2 Minuten Berlin


Wundersame Wege.

Ein Obdachloser haut auf seinen Jutesack ein und stößt dabei immer wieder einen Schrei aus. Ein Rastamann wirft sich und seine Aktentasche auf den Boden, wälzt sich hin und her, fordert alle auf, ihm verdammt nochmal zu sagen, wo es nach Schöneberg geht. „Ich spreche Deutsch und Englisch, sagt mir jetzt endlich, wie ich nach Schöneberg komme.“ Ein junge Herr geht auf ihn zu, zeigt auf das andere Bahngleis. Der Rastamann steht auf, klopft ihm auf die Schulter, bedankt sich lautstark und macht sich auf in Richtung Schöneberg. In der S-Bahn setzt sich eine Frau mittleren Alters in lila Spitzenkleid und rotem Lippenstift neben mich, außer mir nur wenige im Abteil. Als ich die Bahn verlasse, höre ich hinter mir, wie ein Teenie die chinesische Blumeverkäuferin nachäfft. Ich lege einen Zahn zu, drehe mich nicht um, versuche, mich schon gar nicht mehr über all die wunderlichen Wesen zu wundern.

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Hunde und Herrchen sind anzuleinen.
Juli 27, 2010, 11:49 am
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Ich drücke auf die Klingel. Zum zweiten Mal. Niemand macht auf. Ich gehe aus dem Hausflur nach draußen und warte im Hof. An mir spaziert ein skeptisch schauender Kerl in Jogginghose und mit Baseballmütze auf dem Kopf vorbei. Ich tue so, als ob ich etwas in meiner Tasche suche. Fünf Sekunden später folgt sein schwarzer Kampfhund, ohne Leine und mindestens genauso skeptisch schauend wie sein Herrchen. Mir bleibt kurz der Atem stehen, aber der Hund läuft weiter. Ich warte noch immer, das mit meinem Friseurtermin wird wohl aber heute nichts mehr. Herrchen und Hund verschwinden hinter den Müllcontainern, Hund kehrt um und läuft wieder an mir vorbei, starrt mich an. Sein Herrchen hat den anderen Weg genommen. Ich bekomme eine SMS. Die Friseurin hat eine neue Adresse. Ich bin sehr froh drum.



Erlebnisse, die mit Berlin zu tun haben, indem sie nichts mit Berlin zu tun haben – Teil I
Juli 23, 2010, 12:04 pm
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Ich muss für meinen neuen Personalausweis in das Bürgerbüro an meinem 1.Wohnsitz. Der ist auf dem kürzesten Weg 614 km von meinem 2. Wohnsitz entfernt. Aber wie gut, wenn man eine Bahncard100 besitzt. Für den Personalausweis brauche ich (mal wieder) ein neues Passbild. Mein vor paar Monaten gemachtes (ich berichtete; das Schwein belastet mich noch immer!) und das vor ein paar Jahren kann ich aus ästhetischen Gründen wirklich nicht verwenden. Also zum Dorffotografen und sich damit beruhigen, dass das Bild nur besser werden kann und es sich ja auch bloß um den Personalausweis handelt, den man höchstens mal im Kino bei Filmen ab 16 Jahren vorzeigen muss. „Schön frech gucken“, „Wie ein Profi!“, „Sie wissen, was ich will!“ schreit mich der engagierte Herr in Rentenalter an. Ich will es nicht wissen und kann mich grad in die richtige Position drehen (ich bin ja Profi!), bevor er mich betatschen kann. Das nächste Passbild dann wieder in 5 Jahren, von Schweinen im Fotostudio habe ich jetzt erst einmal genug.



Weimarinspiration: Goethe-Schiller-Remix
Juli 20, 2010, 11:42 pm
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Willkommen und Abschied
Willst du dich selber erkennen,
so sieh, wie die andern es treiben
Willst du die andern verstehn,
blick in dein eigenes Herz
Hier sitz ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde
Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün
Und malt auf den glänzenden Matten
Der Bäume gigantische Schatten
Ich komm, ich komme!
Wohin? Ach, wohin?
Es eilen die Stunden, im Mittag steht
Die Sonne
Es schweben die Wolken
Kinder jammern, Mütter irren
Tiere wimmern
um die Wette
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind
In dürren Blättern säuselt der Wind



Sag beim Abschied leise….“Recyclinghof“.
Juli 19, 2010, 11:40 pm
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Wenn man zum ersten Mal richtig alleine wohnt, muss man Dinge machen, die sonst immer nur Erwachsene getan haben. Zum Beispiel auf einen sogenannten „Recyclinghof“ fahren. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich das Wort Recycling schreiben gelernt und es für ein komisches Wort befunden habe. Ein komisches Wort für einen komischen Ort mit vielen komischen Dingen, die das Zeitliche gesegnet haben. Retro-Sofas, Ikea-Schränke, Plattenspieler, Partnerfahrrad, Reisekoffer, Tischbeine, Holzlatten, Glasscherben, Schlaghosen, Michelin-Reifen, Bilderrahmen, Kühlschränke, monströse PCs, Schaukelpferdchen, hier findet alles seinen letzten Frieden, hier liegen Geschichten, die vielleicht für irgendjemanden mal von Bedeutung waren, aber schon bald keine Rolle mehr spielen werden.



Ladenschlussleere
Juli 16, 2010, 11:29 pm
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Zehn Minuten vor Mitternacht. Zehn Minuten vor Ladenschluss des Supermarktes an der Kulturbrauerei. An der Kasse geht es nicht vorwärts. Der Kassierer fragt den Kunden, ob er wüsste, „was die kosten?“, Der Kunde verneint, der Kassierer springt mit leeren Augen von seinem Kassierersessel auf und läuft weg. In der Hand eine Packung Kondome. Ratlos steht er vor dem Kondomregal und sucht einen Preis. Der Kunde eilt zu Hilfe und entscheidet sich dann für eine andere Sorte. „Dann nehm ich eben die anderen“. Zusammen laufen die beiden wieder zur Kasse. Eine lange Schlange hat sich gebildet. Ich stehe immernoch an der gleichen Stelle. Der Kassierer hackt auf der Kasse herum, es piept, er hackt, es piept, ein Kassenbon kämpft sich aus dem Bonautomaten, der Kassierer zerknüllt ihn, es piept, einer neuer Bon erscheint. Die leeren Augen schauen den Kunden an, drücken ihm den Zettel in die Hand, kein Wort. Es ist 0:08. Hinter mir mindestens zehn Kunden. Ich atme auf, als ich zwei Minuten später mit meiner Packung Milch den Laden verlasse.



Ich kann seltsame Menschen sehen.
Juli 14, 2010, 10:05 pm
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Menschen, die auf der Straße pfeifen, finde ich seltsam. Menschen, die sich einfach so in fremde Gespräche einmischen, finde ich seltsam. Menschen, die mit freiem Oberkörper und tiefsitzender Hose in der S-Bahn sitzen, finde ich seltsam. Menschen, die auf dem Laufband yogaähnliche Übungen machen, finde ich seltsam. Menschen, die schniefend in der Bibliothek sitzen und nicht auf die Idee kommen, sich um ein Taschentuch zu kümmern, finde ich seltsam. Menschen, die als Verkäufer arbeiten und ihre Kunden bloß fragend anglotzen, finde ich seltsam. Menschen, die immer an der ungünstigsten Stelle stehen bleiben, finde ich seltsam. Menschen, die erwachsen sind und neonpinke Kleider tragen, finde ich seltsam. Ja, ich finde viele Menschen seltsam, aber ich glaube, ich darf das.