2 Minuten Berlin


Mitfahrgelegenheit, die Erste: Berlin, New York und der Rest.
Januar 31, 2011, 11:33 pm
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Ich fahre zum ersten Mal überhaupt mit einer Mitfahrgelegenheit. Als ich ankomme, sitzen bereits zwei Leute auf der Rückbank des Mercedes. Ich quetsche mich dazu, bin froh, einen Fensterplatz ergattert und kurze Beine zu haben. Beim Einsteigen frage ich fröhlich, ob es die anderen auch nach Mainz verschlägt.
Zu meiner Linken sitzt ein Modedesignstudent aus New York, der gerade in Berlin war und seine Eltern in der Nähe von Mainz besucht. „Wenn man aus New York kommt, dann ist Berlin in Deutschland die einzige Alternative. Naja, vielleicht im Notfall noch Hamburg.“ säuselt er. Und in Europa Istanbul. Neben ihm eine Modedesignerin aus Berlin, die seit 7 Jahren Accessoires herstellt. Das Gespräch ist zu Ende, es wird keine Gegenfrage an mich gestellt, die beiden Modeliebhaber tauschen Visitenkarten aus, schnell wird das Iphone rausgeholt, um sich bei Facebook zu adden, der New Yorker blättert 3 Stunden lang in einer Modebibel, Text gibt es keinen. Ab und zu nickt er kurz dabei ein. In seinen Träumen wahrscheinlichen Hosen und Hemden, Sakkos und Schuhe. Die Modefreundin spricht ihren Neid auf die Bibel aus.. Auf dem Vordersitz nickt ein Protopädagoge mit Haardutt im Rhythmus der Radiomusik. Nach gefühlten 10 Stunden geschwiegener Fahrt, verbrauchter Luft und einem steifen Körper kommen wir in Mainz an. Die Modedesigner verschwinden in der Kleinheit der Stadt.

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Lichterfelde, Lichtenrade, Luckenwalde…äh, wo die Haltestellen „Hochhaus“ heißen.
Januar 11, 2011, 8:27 pm
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Hinter mir höre ich den Klingelton meines allerersten Handys. Nokia 6110. Ich schaue mir die Busfahrpläne an. Der nächste in fast einer Stunde. Wäre ja auch alles zu einfach gewesen. „Provisionsfrei zu verkaufen“-Schilder vor den kahlen Schrebergärten. Ich suche einen Bankautomaten. Natürlich vergeblich. Nur ein einsamer LIDL, in dem ich mir etwas zu trinken kaufen will.  Die Wasserflaschen stehen wie fein säuberlich aufgestellte Bowling-Kegel da. Die Kassiererin erwartet mich schon. Ich gehe zurück zum Bahnhof, setze mich in den Bus, der ein Reisebus für Kaffeefahrten sein könnte und befürchte beim Zischen meiner Flasche einen bösen Blick vom Busfahrer. Nächste Station „Hochhaus“. Ich schaue aus dem Fenster, kein Hochhaus in Sicht. Ich steige aus. Laufe an einem Tattoo-Studio vorbei. Im Schaufenster verblasste Bilder von geflügelten Herzen und keltischen Ornamenten. Ich will mich versichern, auf dem richtigen Weg zu sein. „Kein gültiges GPS-Signal.“ ist auf dem Bildschirm zu lesen.



Das beste, was man in der Welt haben kann, ist daheim zu sein.
Januar 10, 2011, 4:47 pm
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Ich freue mich über die Sonne, die hinter dem Planetarium aufgeht. Über die Raben, die sich im Morgenlicht auf die Leuchtbuchstaben des Hostels in der Landsberger Allee gesetzt haben. Über den Hund, der mich vor dem Supermarkt erwartungsvoll anschaut. Über das „Wollmaus“-Schild vom Wollladen und die gemalten Sonnenblumen an den Häuserwänden. Über den Asphalt, der endlich wieder zu sehen ist. Über die Menschen, die gedankenversunken auf  ihre Straßenbahn warten. Über die Tram-Ansage „U-Bahnhof Alexanderplatz“. Ich freue mich auf den Frühling, den Sommer und den Herbst und mit mehr als einem Jahr Verzögerung spüre ich, wie Berlin langsam aber sicher zu meinem zu Hause wird.



Kleine Details im Großstadtleben.

Berlin schneuzt sich im Wartezimmer. Die Arzthelferin erscheint, reicht einem älteren Herren sein Rezept und ruft so laut, dass jeder es trotz Schneuzen hören kann: Es ging doch um das Marcumar, oder?
Im Penny streitet der Kunde vor mir mit der Kassiererin über die Aludeckel des Orangensafts und falsche Informationen. Aludeckel, Platikdeckel, Aludeckel. Den Chef wird das nicht interessieren, Sie haben doch angefangen, Naja ist ja auch egal, die Kunden warten, schönen Tag noch.
In der Straßenbahn herrscht unheimliche Stille. Ich habe das Gefühl, alle starren mich strafend an, als mein Handy klingelt.  Ich suche nach dem „Handy verboten“-Schild. 
Im Copyshop kopiert einer Musiknoten und schaut ab und an misstrauisch von seinen Partituren hoch.
Die Etiketten musst du selbst schneiden, sagt der Mitarbeiter zu mir, der genau so aussieht, wie man sich einen Berliner vorstellt. Ich schneide die Etiketten selbst, total daneben und schief, weil der Papierhalter nicht funktioniert,
eine Original Berliner Schneidemaschine eben, könnte man bestimmt teuer im Ost-Shop in der Kastanienallee verkaufen.