2 Minuten Berlin


Wie man den gesprächigsten Kassierer Berlins sprachlos macht

Letzte Woche mal wieder Penny. Der Kunde vor mir kauft einen Sixpack Wasser.
Mein Lieblingskassierer:  „Oh, das ist aber ein sehr abwechslungsreicher Einkauf.“
Der wohl anabolikakonsumierende Kunde schweigt.
Ich kaufe TUC-Kekse light. Mein Lieblingskassierer:  „Hhhhm, Kekse ohne Geschmack.“ Ich schweige. Mein Lieblingskassierer wieder voll in seinem Element. Gestern im Penny. Mein Lieblingskassierer hält kurz vor Feierabend ein Schwätzchen mit seinem gerade nach Hause gehenden Kollegen, erzählt, dass er gerade vom REWE abgeworben wird. Hinter mir keine Kunden.
Er zieht meinen Dosenkaffee über den Scanner. Dreht ihn nach dem Scannen hin und her. Ich will ihm den Kaffee aus den Händen reißen.
„Also der macht einen aber auch nicht richtig wach, wenn man müde ist.“ Ich zögere einen kurzen Moment, sage dann: „Ich weiß, Sie meinen das nur nett, aber man muss ja auch nicht jeden Einkauf kommentieren.“ Mein Lieblingskassierer schaut mich mit aufgerissenen Augen an und ist zum ersten Mal derjenige, der keine Worte findet.

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Kleine Details im Großstadtleben.

Berlin schneuzt sich im Wartezimmer. Die Arzthelferin erscheint, reicht einem älteren Herren sein Rezept und ruft so laut, dass jeder es trotz Schneuzen hören kann: Es ging doch um das Marcumar, oder?
Im Penny streitet der Kunde vor mir mit der Kassiererin über die Aludeckel des Orangensafts und falsche Informationen. Aludeckel, Platikdeckel, Aludeckel. Den Chef wird das nicht interessieren, Sie haben doch angefangen, Naja ist ja auch egal, die Kunden warten, schönen Tag noch.
In der Straßenbahn herrscht unheimliche Stille. Ich habe das Gefühl, alle starren mich strafend an, als mein Handy klingelt.  Ich suche nach dem „Handy verboten“-Schild. 
Im Copyshop kopiert einer Musiknoten und schaut ab und an misstrauisch von seinen Partituren hoch.
Die Etiketten musst du selbst schneiden, sagt der Mitarbeiter zu mir, der genau so aussieht, wie man sich einen Berliner vorstellt. Ich schneide die Etiketten selbst, total daneben und schief, weil der Papierhalter nicht funktioniert,
eine Original Berliner Schneidemaschine eben, könnte man bestimmt teuer im Ost-Shop in der Kastanienallee verkaufen.



Ladenschlussleere
Juli 16, 2010, 11:29 pm
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Zehn Minuten vor Mitternacht. Zehn Minuten vor Ladenschluss des Supermarktes an der Kulturbrauerei. An der Kasse geht es nicht vorwärts. Der Kassierer fragt den Kunden, ob er wüsste, „was die kosten?“, Der Kunde verneint, der Kassierer springt mit leeren Augen von seinem Kassierersessel auf und läuft weg. In der Hand eine Packung Kondome. Ratlos steht er vor dem Kondomregal und sucht einen Preis. Der Kunde eilt zu Hilfe und entscheidet sich dann für eine andere Sorte. „Dann nehm ich eben die anderen“. Zusammen laufen die beiden wieder zur Kasse. Eine lange Schlange hat sich gebildet. Ich stehe immernoch an der gleichen Stelle. Der Kassierer hackt auf der Kasse herum, es piept, er hackt, es piept, ein Kassenbon kämpft sich aus dem Bonautomaten, der Kassierer zerknüllt ihn, es piept, einer neuer Bon erscheint. Die leeren Augen schauen den Kunden an, drücken ihm den Zettel in die Hand, kein Wort. Es ist 0:08. Hinter mir mindestens zehn Kunden. Ich atme auf, als ich zwei Minuten später mit meiner Packung Milch den Laden verlasse.